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17. März 2026 um 22:01 Uhr #4787
Doppelhöcker!AdministratorMeren griff nach dem Becher, doch sie trank nichts, sondern umfasste ihn bloss. Er wurde wegen des Wassers darin rasch kühler. Die Empfindung an ihren Fingern war so einfach und klar, und sie erdete Meren ein wenig, während sie schweigend zuhörte. Informationsbeschaffung. Das war etwas, das sie ohne Zweifel konnte. Sie war eine kompetente Spionin, das hatte sie während der Arbeit im Untergrund bewiesen, und notfalls konnte sie Informationen auch einfach stehlen. Ausserdem hatte sie den Meister aufgespürt. Auch damit hatte der König natürlich recht. Und es war nicht Einzige, das ihm einfiel, sagte er. Wahrscheinlich aber das Beste, das, wo sie am Meisten bewirken könnte. Sicher, sie war nicht dumm, das wusste Meren auch, aber es gab bessere Kämpfer, bessere Berater bezüglich der Feuernation, bessere Leibwachen… Als Spionin dagegen, da war sie wirklich, wirklich gut. Nicht nur, weil sie wusste, wie man einbrach, sondern auch, weil sie klein und süss war, weil sie sich verkleiden und wandeln konnte, so dass sie sich überall einzufügen vermochte.
Eine Aufgabe, sagte er zudem, bei der er sich auf sie verlassen können musste, darauf, dass sie ihn informierte, wenn sie in eine Zwickmühle geriet. Das war – schwierig, stellte sie in diesem Augenblick fest. Für sie waren viele Dinge wichtig, und Hierarchie war eigentlich keine davon. Ihr fügte sie sich, weil sie keine Wahl hatte. Aber wollte sie wirklich eine Hierarchie gegen die andere tauschen? Sicher, der Gedanke, dass sie ihre Fähigkeiten nutzen konnte, welche sie wieder durch die Schatten der Nacht trugen – der war reizvoll. Sogar sehr. Aber konnte sie das, was dazu gehörte? Verschwiegenheit war nicht das Problem. Wenn sie ihr Wort gab, dann meinte sie das ernst, und wenn sie sagte, sie würde schweigen, dann würde sie eben schweigen. Aber konnte sie diese Loyalität als oberste Direktive leben? Wollte sie das? Kurz senkte sie den Blick, schaute dann wieder auf.
“Ich weiss nicht, ob ich das kann, Eure Majestät.”, antwortete sie schliesslich. “Ich meine… ich kann Aufträge für Euch ausführen, mit allem, was dazu gehört, aber…”
Ja, aber. Aber sie wollte nicht eine Kette durch die andere austauschen. Wenn sie sich entschied, dem König zu dienen, dann tat sie genau das. Sie diente dem König. Dann entschied nicht sie, wann sie was tat, sondern stand ihm zur Verfügung, dann, wenn er sie brauchte.
“Es schiene mir – es schiene mir, als würde ich eine Kette gegen die andere austauschen.”, fügte sie dann an, leise und schuldbewusst. Es war ein grosses Angebot und ein noch grösserer Vertrauensbeweis, den er ihr da anbot, und sie… Dabei war es Krieg und jeder musste seinen Beitrag leisten.
16. März 2026 um 21:00 Uhr #4785
Doppelhöcker!AdministratorMeren schluckte. Eigentlich, dachte sie, müsste sie sich freuen, denn das hatte sie gewollt. Das hatte sie auf jeden Fall gewollt, dass sie neu anfangen konnte, aber jetzt, da es ihr offenstand, so plötzlich, da machte es ihr Angst. Es machte ihr Angst, dass sie gehen konnte und es machte ihr Angst, dass dieser Moment, von dem sie so oft schon geträumt hatte, schon seit sie ein Mädchen gewesen war, einfach da war. Jetzt. Unmittelbar. Sie konnte ihr eigenes Leben leben. Sie konnte einen eigenen Beruf ergreifen. Dass sie im Inneren Ring wohnen sollte, das war dabei ihr kleinstes Problem, auch wenn sie gerne etwas Distanz geschaffen hätte. Für einen Moment lang stockte sie, senkte dann den Blick. Sicher dachte der König jetzt, dass sie nicht zufrieden war, mahnte sie sich gleich darauf. Vielleicht dachte er, sie wäre undankbar. Wieder kratzten ihre Zähne über ihre Lippen. Vielleicht fragte sie einfach mal nach dem, was er sich noch gedacht hatte? Oder nicht?
“Verzeihung.”, murmelte sie dann, ohne zu wissen, wofür sie sich tatsächlich entschuldigte. Atmen. Sie musste einfach weiter atmen. Das hatte vorhin auch geholfen. Eigentlich half es immer. Aber es war auch noch nie so … so gross gewesen wie das hier. Nicht einmal der Krieg war so gross. Vor einigen Wochen war sie noch die Schülerin ihrer Mutter gewesen, ohne Möglichkeit, jemals aus dieser Position fortzukommen und ohne die Möglichkeit, jemals selbst eine Meisterin zu sein und damit eine gewisse Freiheit zu erlangen. Und jetzt, jetzt war sie plötzlich frei zu tun, was sie wollte. Irgendetwas musste sie jetzt sagen, beschied sie sich selbst. Irgendetwas. Vielleicht einfach das, was sie gerade bewegte. Auch das hatte vorhin ganz gut funktioniert.
“Ich habe mein halbes Leben von diesem Moment geträumt, an dem ich mein eigenes Leben anfangen darf. Jetzt… jetzt ist das gerade sehr einschüchternd.”
Ja, einschüchternd, dachte sie, genau das war es. Es war verdammt einschüchternd. Meren biss ein wenig die Zähne zusammen und ihre Lippen waren trotzig geschürzt, die Augenbrauen zusammengezogen. So richtig zufrieden mit sich war sie nicht, das war deutlich zu sehen, und schliesslich gab sie sich einen Ruck und schaute wieder auf.
“Vielleicht… könntet Ihr mir sagen, wofür Ihr mich brauchen könntet? Und ich… könnte dann vielleicht darüber nachdenken?”
Wie von selbst fiel sie in die zurückhaltende Sprechweise ihrer Heimat zurück, flocht überall ‘vielleichts’ und Konjunktive ein, bloss zur Sicherheit, aber es kam aus ihrer inneren Unsicherheit über die sich öffnende Situation und nicht aus einem echten Misstrauen.
15. März 2026 um 14:31 Uhr #4783
Doppelhöcker!AdministratorEin Teil von Meren wehrte sich reflexartig. Gegen die Fürsorge, gegen die Annahme, dass sie es nicht selber schaffte, dagegen, dass es nötig war, dass sich jemand kümmerte, aber der Reflex hatte keinen Bestand. Hatte sie nicht selbst noch gerade gesagt, dass der König ihr Leben beschützt hatte, weil sie bereit gewesen war, sich selbst zu töten? Nicht wegen irgendwelchem Ehren-Tüdeldü, wie es in der Feuernation durchaus vorkam (was Meren albern fand), sondern weil sie einfach nicht mehr gewollt und vor allem nicht mehr gekonnt hatte? Nein, die Wahrheit war, dass es sie nicht mehr geben würde, hätte der König sie nicht mit Regeln und klaren Befehlen limitiert. Meren schickte den Reflex also mit einem inneren Tritt zurück in die Ecke, aus welchem er hervorgesprungen war und hörte weiter zu.
Das war jetzt irgendwie… einfach gewesen, dachte sie. Sie hatte mit Widerstand und kritischen Fragen gerechnet, mit der Tatsache, dass sie sich erst wieder Vertrauen verdienen musste, aber sicher nicht damit, dass der König sagte, er könnte sie in seinen Diensten gebrauchen und dann auch noch fragte, was sie denn tun wollte. Meren blinzelte, einen Moment lang überfordert mit der Geschwindigkeit, mit welcher sie durch den Teil, den sie für den Schwierigsten gehalten hatte, einfach durchgegangen war.
“Äh…”, antwortete sie darum im ersten Augenblick, ehe sie ihre Gedanken dazu antrieb, jetzt doch mal was sinnvolleres zu tun als sich mit der Tatsache zu beschäftigen, dass sie nicht alles selber auf die Reihe bekommen hatte.
“Ich… hm… ich möchte arbeiten, Majestät. Ich dachte, ich könnte vielleicht Klingen schleifen. Die Leute waren sehr zufrieden mit ihren Messern und Scheren. Und sicher braucht mein Bruder auch bald eine fortgeschrittene Instruktorin in seiner Schule.”
Sie zuckte etwas verlegen mit den Schultern. Ihre ganze Haltung hatte sich im Vergleich dazu, als sie sich gerade hingesetzt hatte, deutlich entspannt.
“Es ist mir aber eigentlich gar nicht so wichtig, was ich mache, solange ich damit meinen Lebensunterhalt verdienen kann.”
Sicher, sie schliff gerne Messer und die zwei Jahre, in denen sie für Yoshu unterrichtet hatte, waren erstaunlich angenehm gewesen. Er war so anders als die Mutter, und vor allem hatte er sie immer als vollwertige Kämpferin behandelt, welche er dafür bezahlte, ihn zu unterstützen, nie als Schülerin. Aber letztendlich… wenn ihr jetzt jemand eine Stelle als Eskorte für Händler angeboten hätte, oder als Dachdeckergehilfin oder was auch immer: Hauptsache, sie konnte ihr eigenes Leben leben. Vielleicht brauchte ja auch der König etwas, das sie konnte, und dann konnte sie auch das machen. Hauptsache, sie wurde für ihre Arbeit bezahlt.
14. März 2026 um 22:09 Uhr #4781
Doppelhöcker!AdministratorMeren setzte sich ganz bewusst nicht nur vorn auf die Kante des Stuhls, wie es ihr gerade entsprochen hätte, sondern nahm richtig Platz. Sie wollte es gut machen. Ihre Hände verschwanden allerdings auf ihren Oberschenkeln unter der Tischplatte, der Nervosität nachgebend, ohne, dass sie daran auch noch dachte. Als der König dann so direkt zum Kern kam, kratzte sie sich mit den Zähnen über die Unterlippe. Sie hatte sich viel zurechtgelegt, ja. Sie hatte sich überlegt, was sie sagen sollte und konnte und wollte, aber gerade jetzt war ihr Kopf trotzdem leer gefegt. Einatmen. Halt. Ausatmen. Halt. Einatmen. Halt. Ausatmen. Halt. Also, was wollte sie? Gerade noch hatte sie doch daran gedacht.
Was, wenn sie etwas falsches sagte? Was, wenn sie zu viel verlangte, wenn sie die Grenzen überschritt? Was, wenn er glaubte, dass sie ihn betrügen wollte? Meren könnte es verstehen. Beim letzten Mal, als er ihr hatte entgegenkommen wollen, hatte sie ihn volle Kanne in die Kronjuwelen geschlagen. Also, warum sollte er ihr glauben? Andererseits, Sangye hatte gesagt, dass wenn er sie nicht verstand, sie ihr helfen würde. Wenn es also nicht gut lief, dann konnte sie es nochmals versuchen. Mit Sangye zusammen. Es gab sozusagen ein Sicherheitsseil. Noch einmal kratzte sie mit den Zähnen über die Lippen, und dann holte sie endlich Luft.
“Majestät…”, begann sie dann etwas zögernd, gab sich einen weiteren Ruck und sprach weiter. “Ich wüsste gerne, was meine Zukunft ist. Ich bin Eure Gefangene, aber ich verstehe nicht, zu welchem Zweck. Ihr habt mich nicht wie als Diebin bestraft und Ihr habt mein Leben beschützt. Ich wüsste gerne, was das Ziel von alledem ist. Ich… ich wüsste gerne, ob…”
Kurz senkte sie den Blick, weil das, was ihr auf der Zunge lag, sich für sie selbst so verräterisch anhörte. Nicht gegenüber dem König, nein, sondern gegenüber Feilan und ihrer Freundlichkeit.
“Lady Feilan hat gesagt, sie könnte Euch darum bitten, dass ich mit Ihr auf den Markt gehen darf.”, erklärte sie dann, scheinbar Zusammenhangslos, aber als sie aufblickte, war in ihren Augen zu sehen, dass sie nicht einfach etwas erzählte. “Ich wüsste gerne… ich…” Kurz brach sie ab, riss sich dann aber zusammen. Sie würde das jetzt sagen. Wenn sie ihm nicht sagte, wie wichtig das hier war, dann konnte er keine Entscheidungen treffen. Und wenn er sie dann so traf, dass alle Stricke rissen, dann… aber das würde nicht passieren, beschied sie sich selbst stur. Das würde einfach nicht passieren, so, aus!
“Ich habe sofort den Gedanken im Kopf gehabt, ob ich fliehen und irgendwo neu anfangen könnte. Aber ich will lieber nicht fliehen und stattdessen hier neu anfangen. Und ich wüsste gerne, ob Ihr das gestattet.”
Meren sah so jung aus, wie sie war, wie sie da sass und den König anblickte. Sie wollte eine Perspektive, irgendetwas, das ihr einen Grund gab, zu bleiben. Noch war sie längst nicht an dem Punkt, an dem sie auch nur die Energie gehabt hätte, eine Flucht zu bedenken, aber dass die Idee so nah gewesen war… das hatte sie erschreckt. Nein, sie wollte nicht fliehen. Es war nicht der Ort, der ihr Problem war. Sie wollte einfach nur endlich ein eigenes Leben beginnen.
14. März 2026 um 21:41 Uhr #4779
Doppelhöcker!AdministratorMeren lehnte sich gegen die Wand, natürlich auf der Seite von Taryk, und wartete. Beim Avatar, sie hasste es, zu warten. Ausser, sie war auf einer Mission unterwegs, dann war das kein Problem. Dann konnte sie Ewigkeiten ganz still ausharren und den richtigen Moment abpassen, damit sie zu Erfolg kam. Ganz so, als wäre sie dann ein anderer Mensch. Irgendwie war sie das da auch, dachte sie dann. So konzentriert und klar. Ein wenig vermisste sie das. Nein, gerade vermisste sie das sogar sehr. Dieser Zustand war ein unglaublich gutes Gefühl, so, als könne sie alles schaffen. Kurz schloss sie die Augen und rief es für sich auf, versuchte es zumindest. Wenn sie sich dann so fühlen konnte, dann konnte sie das vielleicht ja auch jetzt. Zumindest ein Bisschen. Ein Bisschen wäre in Ordnung. Meren atmete tief ein und aus, einmal, zweimal, dreimal, hielt immer nach jedem Ein- und Ausatmen kurz die Luft an, nur einen winzigen Augenblick, ganz so, wie ihr Grossvater es sie gelehrt hatte.
Als die Tür aufging – es war leise zu hören – schaute sie auf. Ein Diener stand da und blickte zu ihr. “Der König wünscht Euch jetzt zu sehen.” Meren schluckte kurz, dann nickte sie und stiess sich von der Wand ab, um ihm zu folgen. Atmen, dachte sie. Einfach atmen. Es würde schon werden. Sangye hatte das gesagt. Taryk hatte das gesagt. Feilan hatte es nicht ganz genau so gesagt, aber wenn sie nicht geglaubt hätte, dass es was werden könnte, dann hätte sie nicht vorgeschlagen, dass sie dieses Gespräch organisieren könnte. Ganz sicher hätte Sangyes Mutter sie nicht ins Messer laufen lassen.
Der Diener ging einige Schritte voran, dann zog er sich zur Seite zurück und wies Meren mit einer Handbewegung in Richtung des Königs. Auch wenn er sass, war er eine beeindruckende Gestalt, dachte Meren. Nicht, weil er so gross war. Also, doch, auch. Aber er hatte eine Ausstrahlung, welche ihn gross machte. In den ersten zwei, drei Wochen nach dem Brief ihres Bruders hatte sie ihn immer wieder darum gebeten, sterben zu dürfen, aber er hatte es wieder und wieder verboten. Meren wusste, sie hätte es ohne zu zögern getan, ein Messer genommen und sich selbst entleibt. Schliesslich hatte ihr die Entschlossenheit gefehlt, es wieder und wieder zu versuchen und sie hatte es entmutigt gelassen – bis der Wunsch in die Ferne gerückt war. Dafür hatte sie irgendwann darum gebeten, im Garten oder in der Küche sein zu dürfen und schliesslich, kleine Arbeiten zu erledigen. Stur hatte sie sich an jede Regel gehalten, so gut sie es nur gekonnt hatte. Sie waren gut gewesen, die Regeln, und es hatte keinen einzigen Moment gegeben, an dem sie hätte ausbrechen wollen. Erst gestern, da hatte sie sich so sehr gewünscht, etwas anderes zu tun als das, was angebracht gewesen war. Weniger, weil sie nicht gewusst hatte, ob sie das Geld annehmen durfte, sondern vielmehr, weil ihr glasklar gewesen war, dass es keine Gelegenheit gab, es auszugeben. Weil sie eine Gefangene war und nicht wusste, zu welchem Zweck. Der König war auf ihrer Seite, so hatte Sangye es ausgedrückt und das glaubte sie auch, also musste es einen Zweck haben. Meren konnte sich beim besten (und schlechtesten) Willen nicht vorstellen, dass er sie ein Leben lang festhalten wollte. Und selbst damit, dachte sie, könnte sie vielleicht leben, wenn sie es nur wusste.
Aber eines nach dem anderen, ermahnte sich Meren, und verneigte sich höflich, als sie so nah herangetreten war, wie es angemessen war. “Majestät.” Ihrer Stimme war die Nervosität anzuhören, so sehr sie sich auch bemühte, sie nicht sehen zu lassen. Sogar die noch immer bandagierten Hände hielt sie einigermassen ruhig. “Danke, dass Ihr Euch Zeit für mich nehmt.”
4. Februar 2026 um 17:40 Uhr #4776
Doppelhöcker!AdministratorDieses Tier war ein Segen, dachte Yoshu, und verspürte den spontanen Drang, zum Stall zu gehen und bei Jingwei zu schlafen. Nicht, dass er das tun würde, nein, denn dafür hätte er Nilith alleine hier lassen müssen, aber er konnte sehr gut nachvollziehen, wie viel Wölkchen für sie bedeutete. Dieses Vertrauen und die tiefe, kompromisslose Zuneigung waren einfach unglaublich. Einen Moment lang beobachtete Yoshu sie einfach, während Yara sich ihrer Mahlzeit widmete und es herrschte eine friedliche Stille, sah man vom leisen Klappern des Löffels ab. Erst Nilith Worte brachen sie wieder auf.
“Sicher, legt Euch ruhig hin.”, stimmte Yoshu zu. Er selbst würde mindestens noch Yara Gesellschaft leisten und anschliessend wohl noch ein wenig meditieren. Gerade im Moment konnte er sich nicht vorstellen, traumlos schlafen zu können, und er wollte sich den Stress und das Entsetzen gerne sparen, welches er in diesen wirren Bildern wieder und wieder erlebte, wenn er aufgewühlt war. “Nehmt bitte die Handlaterne mit nach oben, Feuerzeug sollte eigentlich in eurer Kiste sein. Schlaft gut.”
So würde sie das nächste Mal hoffentlich nicht im Dunkeln über ihre geliebte Raupenkatze stolpern. Damit wäre allen gedient. Heute war zum Glück nichts passiert, aber die Stufen zu den verschiedenen Bereichen und die Treppen nach unten waren durchaus nicht ungefährlich, wenn man wandelnde Stolpersteine hatte.
Yoshu blickte Nilith mit ihrer lebenden, schlafenden Fracht kurz nach und auch als ihre Schritte auf der Treppe zu hören waren, blickte er noch zur Tür, so lang, bis Yara leise fragte: “Ist alles in Ordnung, Hauptmann?” Es dauerte einige Augenblicke, bis Yoshu antwortete. War alles in Ordnung? Nein, wohl kaum. So vieles war nicht in Ordnung, aber er konnte es nicht einfach ändern, so gern er das auch getan hätte.
“Nein. Aber das wäre auch viel verlangt.”, antwortete er dann. “Irgendwann wird aber wieder alles in Ordnung sein.”
Wenn er sich Zeit liess, geduldig war, ja, und wenn er dann, wenn er jemanden brauchte, auf die vertraute, die ihn liebten und die er liebte. Irgendwann würde alles wieder in Ordnung sein.
4. Februar 2026 um 8:59 Uhr #4774
Doppelhöcker!AdministratorDa waren sie ja, dachte Yoshu, und lächelte, sich über sein Gefühl hinwegsetzend. Wölkchen, so mitleiderregend wie sie eben konnte, und Yara, welche das Tierchen noch bestärkt hatte. Da konnte natürlich auch Nilith nicht mehr widerstehen und wollte prüfen, ob es ihrer innig geliebten Raupenkatze gut ging. Nicht, dass es daran ernsthaften Zweifel gab, bedachte man, wie lang Wölkchen jetzt schon wieder durch die Schule streifte. Aber natürlich hatte Yoshu nichts dagegen, auch wenn er nur nickte und nichts sagte. Einen Moment später wandte sich Yara dann an ihn. Noch immer schweigend erwiderte er den Gruss, den Kopf ebenfalls neigend, und nickte dann erneut.
“Sicher. Ich habe in Gedanken an Euch extra den ganzen Topf aufgeheizt. Nehmt Euch doch bitte eine Schale und setzt Euch.”
Er wies auf das Regal, wo die Schalen standen, und als Yara herüber kam und sich ebenfalls noch einen Stuhl dazu zog, tat Yoshu ihr eine gute Portion auf, ehe er das Brot in ihre Richtung schob. Noch immer war der Topf nicht leer, aber Yoshu verzichtete darauf, Nilith gerade zu unterbrechen. Falls sie sich wieder hinsetzte, konnte er sie ja darauf aufmerksam machen, aber vielleicht wollte sie ja auch einfach zu Bett gehen. Yara ass den ersten Bissen und blickte dann zu Nilith und Wölkchen hinunter.
“Und? Alles gut?”, fragte sie, ehe sie den Löffel wieder in den Eintopf tauchte. Yara mochte Elna, beziehungsweise jetzt natürlich Nilith, auch wenn sie sich an den Namen noch gewöhnen musste. Natürlich hatte sie gewusst, dass es ein Deckname war und die Frau bei ihnen versteckt wurde, aber es hatte sich schnell gezeigt, dass sie mehr als gut zu ihnen passte.
3. Februar 2026 um 19:07 Uhr #4772
Doppelhöcker!AdministratorMit einem Lächeln nickte er und nahm den Dank an, wortlos, denn Nilith hatte noch nicht zu Ende gesprochen. Besonders die Kinder hatten diese Chance, sagte sie, und ergänzte gleich darauf, dass es auch auf sie selbst zutraf. Wenn man es genau nahm, war sie eines dieser Kinder, dachte Yoshu, doch er sprach den Gedanken nicht aus. Mit elf Jahren hatte Nilith den Pfauenschwan verlassen, und ein Teil von ihr war wohl immer noch dort. Man hatte sie nicht weiter indoktriniert, aber auch nicht freigelassen. Ein wenig schien es, als wäre sie festgefroren gewesen in diesem Augenblick und taute nun langsam auf, um Schritt für Schritt festzustellen, was für eine Welt das war, in welcher sie jetzt lebte.
Der Gedanke aber wurde nach hinten geschoben, als Nilith versprach, dass er sich auf sie stützen konnte. Ihr Blick, ihre Stimme, ihr ganzer Ausdruck – alles hatte sich für einen Moment verändert. Da war so viel eherne Kraft, so viel Stärke. Ja, dachte Yoshu, das war Nilith, wie sie sein konnte, wenn man sie bloss liess. Diese starke Frau, welche ein Versprechen machte, das stabiler war als der Fels, den sie mit scheinbarer Leichtigkeit befehligte.
Wahrscheinlich ahnte sie nicht, wie wichtig sie bereits jetzt als seine Stütze war. Als Wächterin auf verschiedenen Ebenen. Sicher, in Bezug auf Waffen gab es noch andere, auf welche er sich ehern verliess, aber wenn es um den Kampf in seinem Inneren ging, dann war sie unersetzlich. Sie gab ihm nicht die Sicherheit, die Sangye ihm gab, oder den Schutz, den er in der Anwesenheit des Königs genoss, aber sie gab ihm Raum für ein Leid, das er nicht erklären musste. Sie brauchte keine Fragen zu stellen, weil es keine gab.
“Das tue ich – und das werde ich auch weiterhin.”, antwortete Yoshu, und für einen kurzen Moment waren seine Augen schwarze Löcher, was selbst in dem ungenügenden Licht der Laterne zu erkennen war. Die Schatten schienen etwas tiefer, die Kanten etwas härter zu werden. Yoshu blickte Nilith an, doch ein Geräusch enthob ihn dessen, noch weiter zu sprechen. Von draussen waren Schritte zu hören und dann ein lautes Maunzen. Das waren Yara und Wölkchen. Offenbar hatte sie jemanden gefunden, sich zu beklagen.
“Was ist denn, Wölkchen? Haben sie dir nichts zu essen gegeben?”, fragte die Erdbändigerin halblaut, und gleich darauf beschwerte sich die Raupenkatze noch mehr. Yoshu blickte zur halboffenen Küchentür, durch welche natürlich das Licht nach draussen fiel. Yara wusste damit natürlich, dass sie hier waren, oder zumindest jemand, und so blieb er einfach sitzen und suchte seine Mitte wieder. Seine Mitte, die so angegriffen worden war, dass er eine Pause erbeten hatte, und gerade in diesem Augenblick spürte er genauestens, warum. Er war tief in seiner Seele erschöpft.
3. Februar 2026 um 17:27 Uhr #4770
Doppelhöcker!AdministratorErst dachte Yoshu, sie würden dort landen, dass er keine Diener wollte, doch Nilith sprach weiter und so hörte er einfach zu. Er hörte zu, versuchte nachzuvollziehen, was sie sagte und konnte mehr und mehr ein Bild zusammensetzen. Dieser verzweifelte Wunsch, nicht mehr töten zu wollen, und gleichzeitig diese Notwendigkeit, jemanden zu haben, der sie führte und dem sie dienen konnte – das war eine verzwickte Situation gewesen, das war leicht zu verstehen. Das machte die Angst vor dem Lotus auch noch viel ernster, denn hätte der sie wieder eingesammelt, dann wäre dieser tiefe Herzenswunsch zertrampelt worden. Yoshu zweifelte zwar nicht an dem Willen dieser Frau, sich nicht mehr zu fügen, aber er wusste, wie leicht solcher Wille in Frage gestellt werden konnte. Er war selber unter der Folter so leicht zerbrochen wie ein Porzellankrug und war weit weg davon, jemandem Vorwürfe zu machen, der keinen Widerstand zu leisten in der Lage war. Nilith erzählte, erklärte und Yoshu hörte zu, bis sie schliesslich in Fragen endete.
Yoshu nahm sich einen Moment, nachzudenken, während sein Blick ruhig und konzentriert bei Nilith blieb. Ja, wie kam das? Das war gar nicht so einfach zu beantworten, fand Yoshu. Sicher, er konnte sagen, dass er es entschieden hatte, und dass es damit gesetzt war, aber das würde der Frage und auch Nilith’ Offenheit nicht gerecht. Eigentlich wollte sie ja wissen, warum er sich dazu entschieden hatte, bedachte man die Art und Weise, wie er in seinem Leben mit seinen Entscheidungen umging und wie viel Energie er hineinsteckte, um ihnen gerecht zu werden.
“Ich weiss nicht, warum Alana das tut.”, antwortete Yoshu dann. “Das könnte ich nur vermuten, aber das würde ihrem Streben nicht gerecht. Was mich betrifft…”
Er lehnte sich ein wenig an der Stuhllehne an, trank einen Schluck Wasser, dachte nach. Er hatte ihr schon einmal erklärt, dass er natürlich die Verantwortung über seine Entscheidungen hatte, auch darüber, dass er beim König um Nilith’ Leben gebeten hatte. Aber das war zu einfach. Sicher, es war ursprünglich mal ein wichtiger Grund gewesen, aber warum hatte er jetzt wieder so viel auf sich genommen?
“Es spielen viele Dinge hinein, die sich alle irgendwie ein wenig die Waage halten.”, antwortete er dann. “Ich habe Verantwortung damit übernommen, dass ich beim König um Euer Leben gebeten habe, ich habe Entscheidungen getroffen, zu denen ich stehe, ich wollte nicht, dass Ihr für die Verbrechen eines anderen leiden müsst, Ihr seid eine wichtige Stütze in Bezug auf meine Erinnerungen geworden, ich schätze und respektiere Euch…”
Sein Tonfall war aufzählend und nicht wertend.
“Aber das Wichtigste ist, dass es viele Menschen gibt, die ohne Schuld oder Verdienst an einen Ort gebunden werden, der nicht zu ihnen passt. Meine Schwester musste eine Schwertkämpferin werden, aber seht doch, wie sie es hasst und wohin sie das gebracht hat. Meng war ein Prinz, aber wie wenig hat er dem doch entsprochen. Und Ihr, Ihr wurdet als Sklavin geboren. Ihr habt keinen einzigen Fehler gemacht, aber dennoch wurdet Ihr all Eurer Möglichkeiten beraubt. Ich will, dass Ihr eine Chance habt, eine ehrliche und echte Chance, das Beste aus Eurem Leben und Euch zu machen, das zur Verfügung steht.”
Natürlich, das könnte er für viele Menschen tun, aber das Schicksal hatte nun einmal sie beide zusammengeführt.
3. Februar 2026 um 16:33 Uhr #4768
Doppelhöcker!AdministratorAls sie damit begann, die Schale auszuwischen, griff Yoshu zur Schöpfkelle, die auf seiner Seite des Topfes lag, und schob sie in ihre Reichweite, eine deutliche Einladung, mehr zu nehmen, wenn sie es denn wollte. Aufmerksam hörte Yoshu zu, wie Nilith sprach. Zum ersten Mal, seit sie sich kannten, erzählte sie von sich aus etwas, das sie betraf. Nie hatte sie etwas verweigert bei einer Befragung, beantwortete alles, was man wissen wollte, aber das war nicht das gleiche. Gerade vertraute Nilith ihm etwas an, weil sie es wollte. Sie erklärte etwas, freiwillig. Etwas Wichtiges, wie er fand. Sie hatte also gedacht, er würde sie ablehnen, weil sie es nicht wert war.
Der Lotus erzählte also denen, die ihm angehörten, dass es gar keine Alternative gab. Das war klug, dachte Yoshu auf einer objektiven Ebene. Das war etwas, das war wichtig zu wissen und würde sicher auch Alana helfen. Das zu verstehen würde ihr die Möglichkeit geben, deutlich zu machen, dass es nicht so war. Dabei würde Nilith ihr auf jeden Fall helfen können.
“Ich nehme an, Ihr habt Recht mit dieser Einschätzung.”, antwortete Yoshu. “Wir werden versuchen, ihnen einen Platz zu geben, der ihnen ihr bestmögliches Leben bietet. Alana hängt mit ihrem Herzen an dieser Aufgabe. Sie wird alles tun, was sie kann.”
So war es sicher, ja, aber so richtig konnte sich Yoshu dem innerlich nicht annähern. Einerseits, weil das für ihn ein fremdes Gebiet war und er nur Hypothesen aufstellte, andererseits, wei ihn so sehr anhing, was Nilith eben gesagt hatte. Dass sie geglaubt hatte, sie wäre es nicht wert.
“Dass ich damals abgelehnt habe, lag daran, dass Ihr mir sagtet, Ihr würdet mir dienen wollen, um mich zu entschädigen. Es ging um Schuld und es ging um Wiedergutmachung. Aber Ihr hattet keine Schuld mir gegenüber auf Euch geladen, und es gab auch nichts wiedergutzumachen.”
Und selbst wenn es so gewesen wäre, hätte er keine Dienerin gewollt. Wenn es so gewesen wäre, dann hätte er sie wohl eher erschlagen, um es einfach zu beenden. Der Grund, warum er zugestimmt hatte, war, dass Nilith jemanden – ihn – brauchte, nicht umgekehrt.
3. Februar 2026 um 13:28 Uhr #4766
Doppelhöcker!AdministratorYoshu musste an sich halten, nicht sehr erfreut zu lächeln. Sein Blick aber wurde warm, als Nilith diesen Wunsch äusserte, der offensichtlich aus ihrem Inneren kam. Nilith hatte einen Wunsch geäussert, der über ihre eigene Existenzerhaltung hinausging. Das hatte sie bisher genau einmal getan, nämlich, als sie versehentlich Wölkchen überritten hatte. Ansonsten gab es keine Wünsche, nicht dieser Art.
“Es wird vereinbar sein.”, antwortete er also. Es war ja, ehrlich gesagt, gerade auch sehr, sehr einfach, denn Nilith war nicht einsetzbar als Wächterin im Moment, und abgesehen davon hatten sie auch noch nicht darüber gesprochen, was ihre Aufgabe sein würde. “Und es ist mir recht. Sobald die Heiler es erlauben, werde ich Alana sagen, dass sie an Euch herantreten kann.”
Wahrscheinlich war das dann schon in Ordnung. Es ging ja nicht darum, körperliche Arbeit zu verrichten, sondern erst einmal, Alana zu beraten, Wissen zu vermitteln, ein vollständigeres Bild der Situation zu zeichnen, in welcher die Kinder sich befanden. Yoshu wusste aus leidiger Erfahrung, wie langwierig Brandwunden waren und auch, wie wichtig es war, sich daran zu halten, nicht zu früh wieder Belastung aufzubauen. Das hatte er zwar nicht selbst ausprobiert, aber schon als Schüler bei anderen gesehen.
“Alana wird sich freuen. Sie will diesen Menschen unbedingt helfen und wird dankbar sein für Eure Unterstützung.”, fügte er an, um das Thema ein wenig zu öffnen für Gespräch. Er wollte gerade nicht, dass Nilith das Gefühl hatte, einfach in einer Auftragssituation zu sein. Sie sollte sich bewegen können, wenn sie das denn wollte.
3. Februar 2026 um 12:03 Uhr #4764
Doppelhöcker!AdministratorYoshu folgte Nilith’ Worten. Wenn sie nichts weiteres zu Hanya sagen wollte oder konnte, dann war das in Ordnung. Er hätte sich auch nicht darüber gewundert, hätte sie einfach nur mit den Schultern gezuckt und die Information an sich vorbeiziehen lassen. Es war wenig erstaunlich, dass sie gerade mehr eigenes Interesse an denen hatte, mit denen sie fühlen konnte, zu denen sie einmal gehört hatte. Den Kindern. Ging es denen gut? Eine schwierige Frage, fand Yoshu. ‘Gut’ war ein sehr relativer Begriff, wobei, doch, im Vergleich zum Pfauenschwan ging es ihnen wohl gut.
“Den Umständen entsprechend.”, antwortete er dann. “Sie sind sehr scheu, aber Alana sagte, sie würden bereits ein wenig auftauen. Sie hat sie in einem gemeinsamen Wohnbereich untergebracht. Jedes von ihnen hat ein Bett und ein Stofftier bekommen und sie beginnen bereits, vorsichtig in Kontakt mit ihren Betreuern zu treten. Ich denke, es wird ihnen gut gehen mit der Zeit.”
Fast alle von ihnen hatten allerdings noch eine schwierige Aufgabe vor sich – und zwar die gleiche wie Nilith auch. Ihre Mütter waren nämlich befreite Kurtisanen. Frauen, die sehr wohl wussten, wer ihre Kinder waren, während die Kinder keine Ahnung hatten, wer ihre jeweilige Mutter war. Das waren einseitige ‘Beziehungen’ und Yoshu war durchaus dankbar, dass er nur für Nilith mitdenken musste, was passierte. Nilith, die erwachsen war und der er helfen konnte, ihren eigenen Willen zu vertreten. Er war nicht verantwortlich für das Wohlergehen von Hanya, sondern nur für das von Nilith. Ihr galt seine erste Priorität in diesem Thema, und wenn sie keinen Kontakt zu ihrer Mutter wollte, dann war das so. Er würde ganz sicher nichts Gegenteiliges verfügen.
“Möglicherweise wird Alana noch an Euch herantreten, um Euch Fragen zu stellen, dazu, wie sie ihnen am Besten helfen kann. Zumindest, wenn es Euch recht ist.”, fügte er dann an. Zwar war das noch nicht konkret zur Sprache gekommen, aber angetönt hatte die Offizierin es schon, also konnte er ja vielleicht ein wenig den Boden abtasten.
3. Februar 2026 um 11:37 Uhr #4762
Doppelhöcker!AdministratorYoshu trank einen Schluck Wasser, wartete erneut, bis Nilith so weit war. Das einzige, was er tat, war darauf zu achten, dass seine eigenen Gedanken ruhig blieben. Als sie schliesslich fragte – eine kluge Frage, wie er fand – wiegte Yoshu den Kopf hin und her.
“Ich bin mir nicht sicher.”, antwortete er dann. “Ich sprach mit ihr im Pfauenschwan und erwähnte Euren Namen. Da stockte sie, aber sie hat nicht genauer nachgefragt. Möglich, dass sie es für eine zufällige Namensübereinstimmung hielt. Auch möglich, dass sie es als zu gefährlich einschätzte, irgendetwas Persönliches zu fragen.”
Immerhin hatte er mit noch immer blutigen Händen vor ihr gestanden, einen königlichen Erdbändiger als Begleitung und einen bleichen Wächter im Gepäck – und dazu noch das Mädchen Mao, welches Hanya offenbar etwas bedeutet hatte, im Raum. Nein, es war sicher nicht der Moment gewesen für irgendein Risiko.
“Allerdings will ich noch mit ihr sprechen und das erfragen.”
Es war wichtig, dieses Detail zu kennen. Wenn Hanya wusste, wer Nilith war, dann wusste sie natürlich auch, wer der Vater war. Es bestand das Risiko, dass sie ihr das sagte im Unwissen darüber, wie wichtig es sein konnte, dass ihre Tochter das vielleicht nie erfuhr. Obwohl es so falsch war, dass sie ihre Wurzeln nicht kannte, wäre es doch noch falscher gewesen, sie dem auszusetzen, solange sie noch nicht so weit war.
3. Februar 2026 um 11:18 Uhr #4760
Doppelhöcker!AdministratorYoshu schwieg wieder und erwartete nichts. Vielleicht war es wichtig, vielleicht war es das nicht. Er konnte das nicht beurteilen. Sicher, in seiner Welt war das eine gewichtige Information, aber er hatte sich schon zuvor damit auseinandergesetzt, dass Nilith keinerlei Vorstellung einer gesunden Beziehung zwischen Eltern und Kind hatte. Das war auch mit der Grund, warum sie nichts davon erfahren durfte, dass Meng ihr Vater war. Nicht, bis sie nicht genug Boden unter den Füssen hatte, um zu verstehen, dass seine ‘Freundlichkeit’ ihr gegenüber keine Frage von Vaterliebe gewesen war, sondern von Nützlichkeit.
Zugegeben: Es bestand nun das Risiko, dass sie danach fragte. Was sollte er sagen, wenn sie das wissen wollte? Mit Fug und Recht konnte er behaupten, dass der Name in der Akte geschwärzt war. Das wäre keine Lüge, aber natürlich auch keine Aufrichtigkeit. Er konnte eine Frage einfach ignorieren oder ihr sagen, dass er ihr das nicht sagen würde. Dann aber würde sie wahrscheinlich ihre eigenen Gedanken haben und vielleicht früher oder später selbst darauf kommen. Und dann? Hm.
Es kam wieder ein wenig Leben in Nilith, ein Einatmen, ein Räuspern. Und dann, dann wollte sie doch etwas zu ihrer Mutter wissen.
“Ihr Name ist Hanya.”, antwortete er ruhig. Sicher wusste Nilith, wer das war. Hanya schien eine feste Grösse gewesen zu sein im Pfauenschwan und hatte ihr ganzes Leben dort verbracht, seit der Lotus sie übernommen hatte. Eine ‘Ausbildung’ in der alten Mühle, dann das Leben als Kurtisane. Ein Leben, das sie zu teilen unter Mengs Hand geführt hatte… Mit eiserner Disziplin schob Yoshu den Gedanken fort. Dafür war jetzt kein Platz. Später konnte er darüber nachdenken, aber jetzt nicht.
3. Februar 2026 um 10:21 Uhr #4758
Doppelhöcker!AdministratorYoshu holte sich einen Becher mit Wasser und setzte sich dann ebenfalls hin, schweigend seinen Gedanken nachhängend. Manchmal erstaunte es ihn, wo er heute war. Vor drei Jahren war er hier angekommen als Gefangener, und jetzt war er der Gardehauptmann und gehörte zum engsten Kreis des Königs, hatte eine gut laufende Schule – und es gab Menschen, die ihm folgen wollten, so wie Nilith. Andererseits erstaunte es ihn auch wieder nicht. Sein Leben war davon geprägt gewesen, dass er nicht das bekommen hatte, was die Erwartung gewesen war. Kaum ein Meister, hatte er seine Bändigungsfähigkeiten verloren. Dann war er als Soldat desertiert. Die Schule in Taku war mit der Stadt zerstört worden. Nein, nichts war je so gekommen, wie er es sich gedacht hatte, also warum sollte es jetzt anders sein? Er würde es einfach weiterhin nehmen, wie es kam, und das Beste daraus machen.
Aus dem Augenwinkel sah er, wie Nilith ihn anschaute, und richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf sie. Und tatsächlich, einen Moment später stellte sie eine Frage, die er vorhin zwar angeschnitten, aber natürlich nicht weiter vertieft hatte. Dass sie wiederum den Fokus aus diesen halben Satz gelegt hatte, war mehr als verständlich, immerhin hatte er mit seiner Antwort, wie sie freigekommen war, ihr Weltbild ziemlich erschüttert.
“Wir haben alle Sklaven mitgenommen.”, antwortete Yoshu. “Sie sind in der Obhut von Alana. Der Lotus hat sie alle aufgegeben und uns alle Papiere, zum Beispiel mit den Schuldscheinen, überlassen.”
Einen Moment lang schwieg er in der Art und Weise, die deutlich machte, dass er noch nicht zu Ende gesprochen hatte. Es war gut an seinem Blick zu lesen, wenn er noch nachdachte. War jetzt der Augenblick? Wahrscheinlich schon. Yoshu wollte nicht, dass Nilith in die Situation kam, nachfragen zu müssen, ob er etwas über ihre Mutter herausgefunden hatte.
“Nilith… Eure Mutter ist unter ihnen.”
Dann schwieg er. Immerhin, einen Drittel ihrer Schale hatte sie gegessen, das war schon mal ein guter Anfang. Gut möglich, dass damit jetzt Schluss war. Ebenso gut möglich, dass es ihr nichts bedeutete und sie weiterass.
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